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  • Warum Sparen dem Klima nicht immer hilft

    Eine kleine Geschichte über Geld, gute Absichten und unerwartete Emissionen

    Helmut Zell, 17.10.2026

    Maik Maier ist kein schlechter Mensch. Im Gegenteil. Er trennt seinen Müll, fährt oft Fahrrad und hat sich angewöhnt, vor Urlaubsreisen zumindest kurz über den CO₂-Fußabdruck nachzudenken. Als ihm eines Tages völlig unerwartet 50.000 Euro geschenkt werden, steht er vor einer Frage: Was tun mit dem Geld, ohne dem Klima zu schaden?

    Die naheliegenden Antworten kennt Maik. Kein neues Auto kaufen. Keine Fernreise. Lieber sparsam sein, vielleicht sogar verzichten. Sparen gilt schließlich als Tugend, ökologisch wie moralisch. Doch je länger er darüber nachdenkt, desto unsicherer wird er. Denn was passiert eigentlich wirklich mit Geld, das man nicht ausgibt? Um diese Frage zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf das, was passieren würde, wenn Maik das Gegenteil täte.

    Nehmen wir an, er kauft sich von den 50.000 Euro ein Auto. Ein solides Modell, nichts Extravagantes. Über seine Lebensdauer von rund 200.000 Kilometern verbraucht dieser Wagen etwa 14.000 Liter Benzin. Jeder Liter setzt ungefähr drei Kilogramm CO₂ frei. Allein das Fahren verursacht also rund 42 Tonnen Kohlendioxid. Rechnet man die Emissionen aus der Herstellung hinzu, landet man schnell bei etwa 50 Tonnen CO₂. Das ist viel – und für Maik eindeutig zu viel.

    Also vielleicht doch lieber konsumieren, aber maßvoll? Kleidung, Möbel, Technik, Dinge, die man ohnehin braucht? Im Durchschnitt verursacht jeder Euro Konsum in Deutschland rund 160 Gramm CO₂. Wer 50.000 Euro ausgibt, kommt damit auf etwa acht Tonnen CO₂. Deutlich weniger als beim Auto, aber immer noch eine ziemliche Menge. Sparsam, ja. Klimaneutral, nein. Maik denkt weiter. „Dann spare ich das Geld eben“, sagt er sich. Klingt vernünftig. Wenn man nichts kauft, entsteht doch auch nichts, oder? Hier beginnt die Geschichte eine überraschende Wendung zu nehmen.

    Legt Maik das Geld in einen Sparstrumpf und versteckt ihn unter dem Bett, passiert tatsächlich erst einmal: nichts. Das Geld zirkuliert nicht, niemand kauft damit etwas, es entstehen keine Emissionen. Rein ökologisch betrachtet ist das nahezu perfekt. Noch konsequenter wäre es, die Geldscheine zu verbrennen – auch das ist erlaubt, solange es das eigene Geld ist. Die dabei entstehenden Emissionen sind verschwindend gering. Ökologisch gesehen wäre das sogar die sauberste Lösung. Doch realistisch ist das natürlich nicht.

    Also bringt Maik das Geld zur Bank. Und genau hier entsteht ein Problem. Denn Geld, das auf einem Konto liegt, schläft nicht. Banken verleihen es weiter. Aus 50.000 Euro Einlage werden durch das Bankensystem schnell ein Vielfaches an Krediten. Konservativ gerechnet kann daraus eine zusätzliche Kreditvergabe von etwa 200.000 Euro entstehen. Dieses Geld wird dann von anderen ausgegeben, für Konsum, für Immobilien, für Autos. Wenn diese Kredite für durchschnittlichen Konsum genutzt werden, entstehen plötzlich rund 32 Tonnen CO₂. Werden damit gänzlich Autos finanziert, kann die Klimawirkung sogar bei 200 Tonnen CO₂ liegen. Maiks guter Vorsatz, durch Sparen dem Klima zu helfen, hat ungewollt das Gegenteil bewirkt.

    Sparen, so zeigt sich, ist oft nichts anderes als aufgeschobener Konsum. Und aufgeschobener Konsum ist ökologisch nur dann sinnvoll, wenn er dauerhaft ausbleibt, was in der Praxis selten der Fall ist. Wachsende Vermögen führen früher oder später zu Ausgaben. Das Geld kommt zurück in den Kreislauf. Die Emissionen auch.

    Bleibt noch eine letzte Option. Maik investiert die 50.000 Euro in eine Photovoltaikanlage auf seinem Dach oder beteiligt sich an einem Windrad. Der produzierte Strom ersetzt fossile Energie aus Kohle oder Gas. Über die Lebensdauer der Anlage werden mehr Emissionen eingespart, als ihre Herstellung verursacht hat. Jetzt kippt die Bilanz ins Positive. Das so eingesetzte Geld verdrängt fossile Quellen.

    Wir lernen: Geld ausgeben verursacht immer Emissionen. Somit ist klimaneutrales konsumieren praktisch unmöglich. Geld sparen führt auch zu Emissionen. Klimafreundlich investieren hingegen senkt Emissionen. Für Maik Maier ist die Sache damit klarer geworden. Nicht jede gute Absicht führt automatisch zu einem guten Ergebnis. Nicht der Verzicht, sondern die richtige Verwendung von Geld hilft dem Klima.

  • Time-lags

    Es kann Jahre dauern, bis sich ökologische Maßnahmen auswirken.

    Bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen sind die Verzögerungen immer gegeben. Diese Zeitdimension wird oft vergessen. Bei ökologischen Maßnahmen sind die Informationen ausreichend vorhanden, aber die richtigen Entscheidungen werden aus vielfältigen Gründen nicht getroffen. Selbst wenn dann irgendwann die richtige Korrekturmaßnahme eingeleitet ist, dauert es wieder lang bis die positive Wirkung einsetzt. Wenn heute die Zahl der Autos und damit auch die Emissionen reduziert würden, würde der CO2-Gehalt der Atmosphäre erst nach vielen Jahrzehnten sinken.

  • Später, nur nicht heute

    Einzelne können das Klimaproblem nicht lösen, sondern nur die Politik. Warum diese Schwierigkeiten hat, das Problem zu lösen, liegt am Anreizsystem in unserer Demokratie. Die Wähler wollen Vorteile für sich jetzt und heute; Politiker wollen gewählt werden. So erklären beide, die besten Absichten zu haben, sind sich aber insgeheim einig, die Lösung des Klimaproblems in die Zukunft zu verschieben.

  • Der motorisierte Individualverkehr

    1. Das Auto zerstört massiv Schönheit.
    2. Der motorisierte Individualverkehr ist die größte Irrationalität der Gegenwart.
    3. Kreuzfahrtschiffe, habituelles Autofahren und Fernsehkonsum sind strukturähnlich: Sie enthalten ein Maximum an Pseudoerlebnissen und ein Minimum an echten Erlebnissen.
    4. Anwesenheit von motorisierten Fahrzeugen verhindert Schönheit.
    5. Der Egozentrismus der Autofahrer bedroht massiv Humanität und Ökologie und damit Zukunft der Erde. Muss denn die gesamte Mobilität, also auch jeder Schritt und jede Fahrradfahrt elektrifiziert, d. h. motorisiert werden?
    6. Die Periode der Dominanz des motorisierten Individualverkehrs nach dem zweiten Weltkrieg geht zu Ende und muss zu Ende gehen.
    7. Der Wunsch vieler Autofahrer: Es wäre ideal, wenn jedes Haus einen Autobahnanschluss hätte.
    8. Es gibt gute Mobilität, die die Umwelt schont und beglückt, und schlechte Mobilität, die die Umwelt belastet und die Nutzer von sich und der Welt isolieren. Motorisierter Individualverkehr verkörpert schlechte Mobilität.
    9. Der Verzicht auf das Auto ist keine Zumutung – im Gegenteil, eine Befreiung.
    10. Wir müssen die motorisierte Mobilität einschränken, denn sie dient meistens nicht dem Menschen.
    11. Autofahrer sind momentan bei uns direkt und indirekt die größten Zerstörer. Sie sind Barbaren.
    12. Das Problem ist, dass an dieser Irrationalität so viele Arbeitsplätze hängen.

    http://www.boje-maassen.de/kritik-des-autos.html, Stand: 26.4.202

  • Zitate zum Auto

    „Die Zahl der Autos auf deutschen Straßen erreicht in 2026 einen neuen Höchststand.“

    „So kommt es, dass dem Auto-Wahn
    Schier alle Welt bleibt untertan:
    Man findet selten ihn benannt,
    Sein Ausmass wird gar nicht erkannt.“
    (Biederwacker, Freimund: Vom folgenschweren Autowahn, 2018, S. 62)

    „Als einer in des Irrsinns Krallen:
    Dem Motor-Wahn schon tief verfallen.“
    Ach du liebe Zeit: ja ist denn die Nutzung
    eines Autos jetzt auch schon zu rügen?“
    (Biederwacker, Freimund: Vom folgenschweren Autowahn, Siegen 2018)

    „Die Motorisierung Indiens und Chinas würde endgültig die ganze Erde zu einem Treibhaus werden lassen.“ 
    (Wolfgang Sachs, Greenpeace, in: Frankfurter Rundschau, 7. November 1995)

    „Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen
    Und schrien sich zu ihre Erfahrungen,
    Wie man schneller sägen könnte, und fuhren
    Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen,
    Schüttelten die Köpfe beim Sägen und
    Sägten weiter.
    „
    (Bertolt Brecht)

    „Die Interessengruppe der Ungeborenen ist im parlamentarischen Staat überhaupt nicht vertreten.“ Herbert Gruhl, 1975

  • Moralische Revolutionen

    Appiah, Kwame Anthony: Eine Frage der Ehre: oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt, C.H.Beck, 2011

    Unter einer moralischen Revolution versteht Appiah einen großen Wandel innerhalb kurzer Zeit. Dabei ändert sich nur das moralische Empfinden, sondern auch das moralische Verhaltens (Seite 10). Nach einer moralischen Revolution erscheinen Dinge in einem neuen Licht. Im Rückblick fragen sich dann Menschen: „Was haben wir da nur gedacht? Wie konnten wir das all die Jahre tun?“ In seinem Buch untersucht Appiah drei dieser moralischen Revolutionen: Das Ende des Duells, die Aufgabe des Füßebindens in China, die Abschaffung der atlantischen Sklaverei.

    Appiah fiel bei seiner Untersuchung auf, dass die Argumente gegen die – unmoralischen und später verworfenen Praktiken – schon früher bekannt waren. Die Erkenntnisse waren also nicht neu. Was sich änderte, war die Bereitschaft nach den moralischen Argumenten zu leben (Seite 176). Beim Autofahren fehlt diese Bereitschaft noch. Die Schädlichkeit des Autos ist seit Jahren bekannt, umfangreich wissenschaftlich untersucht und dokumentiert, trotzdem wird der motorisierte Individualverkehr in wachsendem Maße weiter praktiziert .

    Nach einer moralischen Revolution stellen sich Menschen Fragen wie: „Was haben wir uns nur gedacht?“ Oder jemand wird gefragt: „Wie konntet Ihr nur?“

    • Wie konnten wir bloß die Homosexualität zu einem Straftatbestand machen?
    • Wie konnten wir Frauen nur das Wahlrecht verweigern?
    • Wie konnten wir nur die Prügelstraße zulassen?
    • Wie konnten wir bloß Tiere zu Millionen in Tierfabriken halten?

    Eines Tages werden die Menschen nicht nur diese alten Praktiken für falsch halten, sie werden auch glauben, dass sie etwas Schädliches an sich hatten. Sie werden sich für die alten Praktiken schämen. Nach zukünftigen Revolutionen werden sich Menschen fragen:

    • Wie konnten wir bloß zulassen, dass tausende Menschen jedes Jahr im Straßenverkehr starben?
    • Wie konnten wir bloß durch exzessives Autofahren die natürlichen Ressourcen verschwenden?
    • Wie konnten wir bloß durch unsere Autos die Klimakatastrophe herbeiführen?
    • Wie konnten wir bloß durch völlig überdimensionierte Autos die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder gefährden?

    Wie sollen wir von der Welt geachtet werden, wenn wir solche schrecklichen Dinge tun?



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  • Schreckliche Wesen

    Wer richtet größeren Schaden an?